Dr. Gabriele Bonatz

Beckenbodenzentrum im Augusta

Liebe Patientin,

der Beckenboden hat viele verschiedene Funktionen, die durch ein exaktes Zusammenspiel von Muskeln, Nerven und Organen gewährleistet wird.

Bundesweit leiden 8 Millionen Menschen unter einer Beckenbodenschwäche, anatomisch bedingt sind dreiviertel davon Frauen. Da Symptome wie Harn- oder Stuhlinkontinenz immer noch zu den Tabuthemen unserer Gesellschaft gehören, werden sie oft lange überspielt, obgleich es eine Vielzahl von Behandlungsmöglichkeiten gibt.

Leider ist die Beckenbodenanatomie so komplex, dass die Behebung eines Symptoms oft ein anderes zum Vorschein bringt. Deswegen verfolgen wir einen interdisziplinären ganzheitlichen Ansatz.

Ich wünsche Ihnen eine gute Genesung!

Dr. Gabriele Bonatz

Ihre Gabriele Bonatz

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Beschwerdebilder bei Beckenbodenschwäche
Beckenboden-Diagnostik
Konservative Therapie
Operative Therapie

Beschwerdebilder bei Beckenbodenschwäche

Senkungsbeschwerden

Als Ursache einer Beckenbodenschwäche gelten: Überdehnung des Beckenbodengewebes durch Schwangerschaft und Geburt, Bindegewebsschwäche, schwere körperliche Arbeit, chronischer Husten und ungesunder Lebensstil (Übergewicht, Rauchen). Zudem nimmt die Elastizität des Gewebes durch Alterung und durch hormonelle Veränderungen z.B. in den Wechseljahren ab. Senkungsbeschwerden können sich wie folgt zeigen:

  • Fremdkörpergefühl
  • Unvollständige Entleerung von Blase und Darm
  • Harn- oder Stuhldrang
  • Harn- oder Stuhlinkontinenz
  • Häufig wiederkehrende Blasenentzündungen
  • Druckstellen an den gesenkten Schleimhäuten

Folge der Beckenbodenschwäche ist, dass ein oder mehrere Organe des Beckens ihre normale Position verlassen und sich der Schwerkraft folgend nach unten absenken (Deszensus). Durch eine Überdehnung oder einen Ausriss des Bindegewebes der vorderen Scheidenwand, kann sie die Blase nicht mehr an Ort und Stelle halten. Die Blase drängt in die Scheide vor (Zytozele).

Ist die hintere Scheidenwand betroffen, wölbt sich der dahinter liegende Enddarm in die Scheide vor (Rektozele).

Ebenfalls kann der bindegewebige Halteapparat der Gebärmutter betroffen sein (Uterusprolaps). Ist sie bereits entfernt, kann sich das Scheidenende in die Scheide absenken.

Blasenbeschwerden

Eine Beckenbodenschwäche kann sowohl Blasenentleerungsstörungen als auch eine Harninkontinenz nach sich ziehen.

Bei der Harninkontinenz wird zwischen Belastungs- und Dranginkontinenz, sowie unbewusster Harninkontinenz unterschieden:

  • Belastungsinkontinenz: nicht beherrschbarer Urinverlust bei körperlicher Anstrengung (Husten, Heben, Sport oder Treppensteigen). Sie ist durch eine Funktionsbeeinträchtigung des Harnverschlußapparates bedingt.
  • Dranginkontinenz: Starkes Harndranggefühl mit unwillkürlichem Urinverlust. Ursache hierfür ist eine unwillkürliche Kontraktion des Blasenmuskels mit gesteigerter Blasenaktivität bei überaktiver Blase. Nicht immer geht der imperative Harndrang mit einer Inkontinenz einher. Imperativer Harndrang mit oder ohne Inkontinenzproblematik führt insbesondere bei Älteren häufig zu Stürzen und seelischen Beeinträchtigungen.
  • Unbewusste Inkontinenz: die Inkontinenz wird nicht bewusst wahrgenommen. Ursache können Abflußbehinderungen oder neurologische Störungen sein.

Einen ersten Aufschluß über die Ursache der Inkontinenz liefert das Miktionsprotokoll.

Darmentleerungsstörungen

Eine Schwäche des Beckenbodens kann sich auch in Problemen bei der Stuhlentleerung führen. Verstopfung oder Inkontinenz sind die Hauptprobleme.

Das Grundproblem ist aber, dass die Stuhlentleerung nicht mehr exakt kontrolliert werden kann. Erstes Anzeichen kann ein unwillkürliches, nicht unterdrückbares Abgehen von Winden sein.

Andererseits kann es sein, dass die Darmentleerung nur mit Unterstützung (medikamentös oder durch Unterstützung mittels aktiven Gegendrückens gegen den Beckenboden von aussen) möglich ist.


Beckenboden-Diagnostik

Gynäkologische Untersuchung

Bei der gynäkologischen Untersuchung wird der Beckenboden auf seine Funktionalität hin überprüft. Hierüber geben der Hustentest, die Kontraktilität der Beckenbodenmuskulatur, und eine orientierende Überprüfung des neurologischen Status Auskunft. Durch eine Speculumeinstellung wird beurteilt, ob Lageveränderungen der Beckenorgane vorhanden sind und die geäußerten Beschwerden erklären können.

Die ergänzende Ultraschalluntersuchung zeigt neben dem inneren Genitale, Mobilität und Verschlußmechanismus der Harnröhre und Lageveränderungen der Blase.

Neurologische Untersuchung

Die Funktion des Beckenbodens ist durch verschiedene Nervensysteme getriggert. Nervenleitmessungen oder auch eine Nadelableitung, ergänzt durch moderne radiologische Verfahren können Aufschluß über eventulle neurologische Erkrankungen.

Urodynamik

Bei der Blasenfunktionstestung werden die Drücke der Blase und Harnröhre in Ruhe und bei Belastung (Husten) mit einem sehr feinen Katheter gemessen. Die Drücke werden an Hand der aufgezeichneten Kurven zueinander in Beziehung gesetzt. Damit lassen sich Rückschlüsse auf die Art und Ursache der Blasenfunktionsstörung ziehen.

Mit Hilfe der Urodynamischen Untersuchung kann beurteilt werden, ob die Inkontinenz durch eine überaktive Blasenmuskulatur oder einen gestörten Verschlußmechanismus bedingt ist.

Urologische Untersuchung und Urethrocystoskopie

Bei der urologischen Untersuchung einschließlich einer Urethrocystoskopie sollen Erkrankungen der Blasen- oder Harnröhrenschleimhaut ausgeschlossen werden. Eine Probeentnahme aus der Schleimhaut bringt ggfs. Klarheit.

Nur in Ausnahmefällen muss eine Röntgenaufnahme der ableitenden Harnwege vorgenommen werden.

Proktologische Untersuchung

Zu den Untersuchungsverfahren der Proktologie zählt die Coloskopie, die Veränderungen und Reizzustände der inneren Darmwand aufzeigt.

Durch Defäkografie wird geprüft, ob die Passage des Stuhlganges einwandfrei oder behindert ist. Bei der ergänzenden Manometrie wird der Druck des Enddarmmuskels gemessen.

Interdisziplinäre Beckenboden-Konferenz

Für jede Patientin entwickeln wir in unserer interdisziplinären, wöchentlich stattfindenden Fallkonferenz ein individuelles Therapiekonzept. Hierfür werden alle Informationen und Befunde mit Bildmaterial zusammengetragen, bewertet und mit den Beschwerden korreliert.

Unser Beckenbodenteam besteht aus Experten/innen unterschiedlicher Fachdisziplinen (Frauenheilkunde, Urologie, Proktologie, Neurologie, Psychosomatik, Physiotherapie und Ernährungsmedizin).

Die vollständige Erklärung komplexer Krankheitsbilder und das daraus abzuleitende Therapiekonzept werden häufig durch Diskussionsbeiträge der genannten Nachbardisziplinen während der Beckenbodenkonferenz gefunden.


Konservative Therapie

Vor einer Operation alle konservativen Therapiemöglichkeiten nutzen!

Physiotherapie

Ein gut durchdachtes und kompetent durchgeführtes Beckenbodentraining kann effizient Symptome bei Beckenbodenschwäche lindern. Am Anfang einer solchen Therapie steht die Beckenbodenwahrnehmung. Können die Beckenbodenmuskeln nicht ausreichend betätigt werden, führen Biofeedback und Elektrostimulation in der Regel zu einer verbesserten Kontraktionsfähigkeit.

Entspannungsverfahren, Faszientherapie und Osteopathie helfen bei schmerzhaften Verspannungen, Bänderverkürzungen, Narben oder Blockaden.

Klassische Massagen und Rüttelplattentherapie ergänzen das Spektrum der Physiotherapie.

Psychosomatische Therapie

Da das körperliche Leiden psychische Auswirkungen haben und/oder psychisch bedingt sein kann, ist in der Frauenklinik der Augustakliniken eine Psychotherapeutin fester Bestandteil unseres Teams. In einem informellen Gespräch klärt sie den Behandlungsbedarf und leitet ggfs. eine Therapie ein.

Ernährungsberatung

Sowohl Über- als auch Untergewicht wirken sich negativ auf den Beckenboden aus. Eine ausgewogene, regelmäßige und gesunde Ernährung trägt zum Wohlbefinden und zur Gesundheit bei. Eine diätetische Beratung steht also bei allen Patientinnen mit Beckenproblemen auf dem Programm.

Medikamentöse Therapie

Die medikamentöse Therapie setzt daran an, dass die Harnblasen- und Darmfunktion durch ein Zusammenspiel unterschiedlicher Nervensysteme gesteuert wird. Diese werden durch die Phamakotherapie je nach gewünschtem Effekt gebremst oder stimuliert.

Um den Erfolg der medikamentösen Therapie zu erkennen, sollte sie durch das Führen eines Miktionstagebuchs begleitet werden.

Ein bestehender Harndrang bessert sich oft nach lokaler Östrogenisierung über die Vagina.

Pessartherapie

Vor einer Senkungsoperation sollte in jedem Fall der Versuch einer Pessartherapie unternommen werden. Bei hohen Operationsrisiken stellt sie eine gute Alternative zur Operation dar.

Pessare haben das Ziel, das gesenkte Gewebe oder vorgefallene Organe an Ort und Stelle zurückzudrängen. Ein Pessar wird ähnlich wie ein Tampon in die Scheide eingeführt.

Die meisten Pessare können von der Patientin nach einer entsprechenden Schulung selbst gewechselt werden. Alternativ kann ein Wechsel alle 4-6 Wochen durch den behandelnden Arzt erfolgen.


Operative Therapie

Operationen bei weiblicher Harninkontinenz

  • Spannungsfreies Polypropylenband: durch die Einlage eines schmalen Kunststoffbändchens unter die Harnröhre wird der Verschlußmechanismus der Harnröhre nachgestellt und damit in über 90% eine Harnkontinenz erreicht (Operationszeit ca. 20 Minuten, Krankenhausaufenthalt 2-3 Tage)
  • Kolposuspension: Rekonstruktion des Bandapparates neben der Harnröhre zur Rekonstruktion des seitlichen (ausgerissenen) Halteapparates der Harnröhre/Harnblase mittels Bauchschnitt oder per Bauchspiegelung
  • Botulinum-Toxin Injektion in die Harnblasenmuskulatur: hemmt die Ausschüttung von Nervenbotenstoffen und hilft bei Dranginkontinenz durch Ruhigstellung des großen Blasenmuskels dann, wenn herkömmliche Medikamente nicht greifen.
    (Operationszeit wenige Minuten, Krankenhausaufenthalt 2 Tage, Wirkung tritt nach ca. 3 Tagen ein und hält 6-10 Monate)
  • Medikamenteninstillation in die Blase: soll die Schutzschicht der Blasenschleimhaut wieder aufbauen
  • Unterspritzen des Blasenschließmuskels: ist v.a. für Patientinnen mit hohem Narkoserisiko geeignet, um eine Verbesserung der Kontinenz zu erreichen

Operationen zur Behebung von Senkungszuständen

  • Plastische Rekonstruktion der Scheide einschließlich Fixierung des Scheidenendes (Vaginofixatio): Dieses herkömmliche Verfahren kommt bei Senkung der Vaginalwände zur Anwendung.
  • Fixierung der gesenkten Gebärmutter, des Gebärmutterhalses oder des Scheidenendes am Kreuzbein: Hierbei wird ein Kunststoffnetz als Interponat benutzt. Dieses wird einerseits an der gesenkten Struktur (Gebärmutter, -hals oder Scheidenende), andererseits am Kreuzbein spannungsfrei fixiert. Die von uns dabei angewandte Bauchspiegelung ist besonders schonend.
    (Operationszeit ca. 2 Stunden, Krankenhausaufenthalt 4-5 Tage)
  • Rekonstruktion der Scheide durch Netzeinlage: Tritt ein schon operierter Senkungszustand erneut ein (Rezidiv), übernimmt ein implantiertes Netz die stützende Funktion der Beckenbodenmuskeln und -bänder. Durch Einwachsen des Netzes in das Gewebe, wird der Beckenboden stabilisiert, die gesenkten Organe wieder in ihre normale Position gehoben und an einer erneuten Senkung gehindert.

Operation bei chronischer Verstopfung oder Darminkontinenz

Werden durch unsere proktologischen Kooperationspartner durchgeführt.

  • Sakrale Nervenstimulation
  • Starr-Operation
  • Rectosakropexie

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